GEBET EINES HAHNES

Herr!
Ich, Herr, rief dich!
Mit Fug und Recht bild' ich mir ein,
der Tiere wichtigstes zu sein,
denn erstens schmückt mein Abbild
manchen Turm,
als könnte es Gewitter scheuchen,
und zweitens sah mein prächtig Ebenbild
ich jüngst von einem goldnen Franken leuchten. 
Gar drittens sei wohl eingedenk der Rolle,
die ich, der Hahn, in deiner Bibel spiele,
als Petrus angsterfüllt zum drittenmal gelogen! 
Ja, ja, die Menschen
sind halt undankbare Wesen.
Nachdem ich sie durch viele hundert Jahre
tagtäglich früh aus ihrem Schlaf geweckt,
hat doch nicht einer dieser Undankbaren
für diesen Zweck die Weckeruhr entdeckt? 
Hab' ich es denn verdient,
nur noch zu leben,
um in der Suppe und am Spieß zu enden? 
Herr,
könntest du mein Fleisch nicht giftig machen
wie den Rattenschwanz,
um so mein Schicksal abzuwenden?


(Aus Wolfgang Ehrenhöfer: GEBETE VON UNTEN)